
Alexanderplatz
Der Bahnhof Alexanderplatz ist ein Ort, an dem viele Menschen nicht verweilen wollen, den sie nutzen, um von einem Gleis zum anderen zu gelangen. Ein Ort, der von Tourist*innen frequentiert wird, die ein schnelles Foto, aber keine tieferen Eindrücke suchen. Ein Ort, an dem die Polizei kontrolliert und durchsuchen darf.
Genau diesen Ort haben Künstler*innen vom 17. Oktober bis zum 14. Dezember einen Raum zwischen Gleis 2 und 3 fortlaufend bespielt und belebt. Insgesamt 18 Künstler*innen arbeiteten in wechselnden Gruppen von zwei bis vier Künstler*innen zusammen. Jede Woche entstand eine neue Ausstellung, die jeweils freitags mit einer Vernissage eröffnet wurde. Mit jeder Ausstellung ging eine neue Kuration einher, die überwiegend von dem beteiligten Künstler*innen selbst entwickelt wurde. So entstand über die Laufzeit hinweg eine Abfolge eigenständiger Ausstellungen, die den Raum immer wieder neu interpretierten.
Ausgangspunkt des Projekts waren künstlerische Arbeiten aus dem Umfeld abstrakten Graffitis, insbesondere in Verbindung mit Fotografie. Die unterschiedlichen Positionen nutzten den Raum auf vielfältige Weise und reichten von raumgreifenden Installationen, die sich über den gesamten Ausstellungsraum erstreckten, über Konzerte, in denen der Ort bewusst als Raum sozialer Begegnung und des Austauschs gedacht wurde, bis hin zu klassisch kuratierten Gruppenausstellungen im weiteren Verlauf des Projekts. Ziel war es, der Kunstszene und ihrem Umfeld einen Ort zu geben, an dem Arbeiten gezeigt, Begegnungen ermöglicht und Austausch gefördert werden konnten. Der Raum fungierte dabei nicht nur als Ausstellungsfläche, sondern auch als sozialer Treffpunkt.
Was dadurch entstand, war ein Ort der Ruhe, der Gemeinschaft und des Austauschs. Es war interessant zu beobachten, wenn Besucher*innen von außen hereinkamen, sich umsahen und zunächst sagten: „Das haben wir an einem Bahnhof nicht erwartet.“ Nach einer Weile folgte oft die verwunderte Feststellung, dass man völlig vergesse, wo man sich befinde, dass man den Lärm und die Hektik kaum noch wahrnehme. Und das, obwohl durch die Scheiben weiterhin Menschenmassen zu sehen waren, die sich von A nach B bewegten, und die Geräusche einfahrender Züge im Mauerwerk widerhallten.
Aber nicht nur für die Gäste, auch für die ausstellenden Künstler*innen war der Ort etwas Besonderes. Man tauchte auf eine neue Art in das Leben am Bahnhof ein, kam in Kontakt mit den Angestellten der umliegenden Geschäfte und den am Bahnhof arbeitenden Menschen und wurde nach kurzer Zeit Teil einer Gruppe, von deren Existenz man zuvor nichts gewusst hatte. Daraus entwickelte sich ein anderer Blick auf den Ort und ein veränderter Umgang mit ihm, der auch das eigene Verhalten beeinflusste.
Das Projekt stieß sowohl bei Besucher*innen als auch bei dem beteiligten Künstler*innen auf große Zustimmung, und wiederholt wurde der Wunsch nach einer dauerhaften Nutzung des Ortes geäußert. Eine Fortführung des Projekts war von Seiten der Deutschen Bahn jedoch nicht vorgesehen. Unabhängig davon zeigte sich, welches Potenzial künstlerische Zwischennutzungen für öffentliche Räume entfalten können.
Am Ende des Projekts blickte man fast wehmütig zurück und hätte gerne länger bleiben wollen. Und wer erwartet schon, länger als nötig am Bahnhof Alexanderplatz verweilen zu wollen?